Ursprung und Einflüsse der Lateinamerikanischen Tänze

verfasst von Gunar Haas, swissdance


Die Bezeichnung „Lateinamerikanische Tänze“ als Oberbegriff für Samba, Cha Cha Cha, Rumba, Paso doble und Jive ist im Hinblick auf den Ursprung dieser Tänze streng genommen nicht ganz korrekt. Wirklich lateinamerikanisch sind nur Samba und Rumba und auch der durch die Filmwelle der 1980er Jahre wieder aktuell gewordene Mambo. Der Cha Cha Cha, ein aus dem Mambo konstruierter Tanz, kann im erweiterten Sinne noch als lateinamerikanisch verstanden werden. Der Jive in seiner heutigen Form ist ein Artefakt englischer Tanzlehrer, die damit den in den USA aus afrikanischen Bewegungselementen entstandenen Boogie-Woogie, Jitterbug und Rock’n’Roll gesellschaftsfähig machten - man müsste ihn eigentlich als nordamerikanischen Tanz bezeichnen.


Die Geschichte der lateinamerikanischen Tänze ist trotz sehr alter Wurzeln noch recht jung. So konnten diese Tänze erst nach der Befreiung Südamerikas durch Simon Bolivar (1. Viertel des 19. Jahrhunderts) und der dadurch resultierenden Vermischung der Kulturen entstehen. Aus der Kombination afrikanischer Rhythmen, europäischer Melodien und vieler weiterer Einflüsse aus aller Welt (von Jazz bis China) ergaben sich schliesslich die heutigen lateinamerikanischen Tänze.    

Die Samba, erste Erwähnung 1883, ist in ihrem Ursprung ein Sammelname für viele Tanzformen, die im 19. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven aus dem Kongo, dem Sudan und Angola in ihre neue Heimat Brasilien gebracht wurden. Der Name dieser Tanzart wird von dem afrikanischen Wort “semba” (Bezeichnung für typische Hüftbewegungen, angolanische Bantusprache: Bauch- und Beckenbewegungen, portugiesisch-brasilianisch: Tanz) abgeleitet. Bei den kultischen Festen vor allem der Bantuvölker stand die Ekstase, der rauschhafte Tanz im Mittelpunkt. Als afrikanisch-portugiesische Mischform kam um 1910 die Maxixe - ein enger Paartanz - aus Brasilien nach Europa, der sich jedoch nur schwer durchsetzte.


Erst seit dem zweiten Weltkrieg gehörte die Samba zum festen Bestandteil einer jeden Tanzkapelle. Um 1948/49 erreichte sie in einer sehr vereinfachten Form (Zweischritt-Samba) eine grosse Popularität. Die Tanzschulen nahmen die Samba mit Erfolg in ihr Programm auf und sie setzte sich auf dem Parkett durch.


Der Cha Cha Cha gilt als eine künstliche Schöpfung, als eine aus der Rumba und dem Mambo entstandene Abart. Als Erfinder wird der kubanische Musiker Enrique Jorrin aus Havanna genannt, der 1953 anstelle des zu schnell gespielten Mambos, der sich nicht so recht durchsetzen konnte, den langsameren Mambo-Cha Cha Cha kreierte. Das Palladium auf dem Broadway in New York City wird als die Geburtsstätte des Cha Cha Cha bezeichnet. Das Wort Cha Cha Cha kann hier als rhythmischer Bestandteil der Musik angesehen werden, die von den Musikern deutlich “gesprochen” und von den Tänzern mit drei kleinen Schritten “interpretiert” wird.


Von Kuba ausgehend erfassten Musik und Tanz zunächst Nordamerika, wo der Cha Cha Cha ab 1954 der Modetanz Nummer eins wurde. Aber auch Europa war für alle lateinamerikanischen Musik- und Tanzneuheiten aufgeschlossen. Aufgrund seines klaren Rhythmus und seiner variationsreichen heiteren Figuren, schaffte der Cha Cha Cha sehr schnell den Durchbruch.


Die Rumba ist ein erotischer Werbetanz aus Kuba, hervorgegangen aus ländlichen Werbetänzen wie Chica und Yuca. Rumba ist in seinem Ursprung eine Sammelbezeichnung für die tänzerische Interpretation ähnlicher Rhythmen, z.B. El Son, Bolero, Guaracha, Mambo, Beguine und Habanera. Wie Tango oder Milonga bedeutete das Wort Rumba ursprünglich soviel wie Fest und Tanz. Es ist nicht bekannt, seit wann das Wort Rumba gebraucht wurde. 1882 wurde sie erstmals in einem gleichnamigen Gedicht erwähnt. In den Tanzbeschreibungen des 19. Jahrhunderts wird von leidenschaftlichen Werbetänzen gesprochen, dem Streben der Frau, mit auffälligen Hüftbewegungen den Mann zu verführen. In den 1930er Jahren fasste man alle Rhythmen und Tänze aus Kuba, die im Ausland bekannt wurden, unter dem Begriff Rumba zusammen. So erklärt sich, dass „unsere“ Rumba, die sich - im Gegensatz zur kubanischen Rumba -rhythmisch und in ihren Grundstrukturen eindeutig vom Son ableitet, einen Namen trägt, der eigentlich zu einer völlig anderen Musik („kubanischer“ Bolero) und den damit verbundenen Tänzen gehört.


In seinem Ursprung ist der Paso Doble (Doppelschritt) ein spanischer Tanz zu spanischer Marschmusik, der allerdings in Spanien selbst auf keiner Tanzfläche zu sehen ist - wenn dann nur in eigenständiger Version auf der Bühne. Als Stierkampf-Pantomime war er schon in den zwanziger Jahren bekannt. In der heutigen Form ist er in Frankreich kreiert worden, wo er zunächst vorrangig von Künstlern getanzt wurde, bevor er als Schau- und später als Turniertanz entdeckt wurde. Aufgrund dessen gibt es viele französische Figurenbezeichnungen.


Der Paso Doble stellt einen Stierkampf dar, wobei der Herr die Rolle des Toreros übernimmt und die Dame das rote Tuch des Toreros verkörpert. Herr und Dame bewegen sich also gemeinsam um einen imaginären Stier, wobei sie mit Flamenco-Elementen und aus dem Arenenkampf nachempfundenen stilisierten Figuren agieren.


Der Jive (das Wort bedeutet im Slang sexuelle Erregung, Ekstase) ist heute die international anerkannte Bezeichnung für einen Tanz, der vielfältige verwandte Vorläufer hat, die afroamerikanischen Ursprungs sind. Dazu gehören zu Beginn der 1930er Jahre der Lindy Hop, Blues und Swing, in den 1940er Jahren der Boogie oder Boogie-Woogie, der Jitterbug (eine andere Bezeichnung für dem Lindy Hop) und Be-Bop, gefolgt in den 1950er Jahren vom Rock’n’Roll. Charakteristisch für alle diese Tanzformen ist die stimulierende Musik, die aufgrund ihrer rhythmischen Akzentuierung alle in ihren Bann zieht.


Die in den USA beheimateten Tänze brachten vor allem amerikanische Soldaten um 1940 nach Europa, wo sie durch ihren offenen Bewegungsstil mit akrobatischen Würfen bei der Jugend schnell sehr beliebt wurden. Der Boogie wurde nach dem Krieg zur dominierenden Musik. Als “artfremder” Tanz fand er aber nicht nur Freunde. Die Kritiker suchten nach einer gemässigteren Form, um diese Art des Tanzens gesellschaftsfähig zu machen. Es waren englische Tanzlehrer, die mit etwas langsamerer Musik den eleganten und doch lebendigen Jive entwickelten.